HOMEPAGE... Aboriginal Art Galerie Baehr --->
Aboriginal Art Galerie Bähr


Bilder-Rundgang 

Aborigine-Kunst
Katalog und Künstler

Literatur
Copyright
Eröffnungsreden
Aktuelle Ausstellung

Die Galerie
Wegbeschreibung



Rede von Margarete Brüll, Adelhausermuseum Freiburg,

am 20. Februar 1998
anläßlich der Ausstellung
"Gemaltes Land"

zur Ausstellung


Diese Galerie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die moderne Kunst der Aborigines und ihre Hintergründe zu präsentieren. Da ich selbst einige Male aus Australien Acrylbilder mit nach Deutschland gebracht habe, weiß ich, daß sie dem ästhetischen Geschmack eines europäischen Publikums entsprechen; ich weiß aber auch, wie schwer es ist, ihren kulturellen Kontext zu erklären und zu verstehen.

Es mag vermessen aussehen, wenn eine Nicht-Aborigine versucht, über die Bedeutung des Landes für Aborigines zu sprechen. Manch einer von Ihnen wird denken, daß an meiner Stelle besser eine Angehörige der Kultur stehen sollte, um die es hier geht. Und natürlich bin ich im europäischen Denken verhaftet, einem Denken, das - wie es die Geschichte auch heute noch in Australien zeigt - sehr wenig offen ist für das Denken anderer. Und oft reicht unsere Sprache und unser Wissen nicht aus, um andere Bedeutungen in ihrer ganzen Tragweite zu erkennen.

Aber wir haben diese Bilder hier bei uns, die von Aborigines gemalt worden und eine Botschaft sind. Sie werden auch gemalt - das soll gar nicht verheimlicht werden -, weil sie eine ökonomische Ressource für die Künstlerinnen und Künstler sind, oft die einzige. Das steh jedoch nicht im Widerspruch zu dem Sinn, den sie für Aborigines haben.

Wir sollten nicht versuchen, in die innersten Geheimnisse der Bilder einzudringen, die dort versteckt und nicht für unsere Augen gedacht sind. Wir sollten vielmehr versuchen - und das ist, denke ich, die Botschaft an uns -, ihre Bedeutung in einem größeren Zusammenhang zu verstehen; ein Zusammenhang, der die Existenz und die Identität schwarzer Australier ausmacht und in enger Verbindung mit dem Land steht. Daß diese Botschaft sehr oft nicht verstanden wird, macht die Landrechtspolitik des weißen Australiens deutlich. Landrechte für Aborigines werden zur Zeit aus vorgeschobenen wirtschaftlichen Gründen widerrufen. Das zeigt, daß die Anerkennung von Landrechten ein politischer Akt war, der mit der Anerkennung dessen, was für Aborigines das Land bedeutet, nichts zu tun hat.

Für sie ist das Land mehr als Landschaft, Natur und ökonomische Ressource. In ihrem Weltbild spielt die Trennung von Natur und Kultur/Mensch keine Rolle. Ihre Welt ist eine Einheit in Zeit und Raum, im Plan der Schöpferahnen begründet und erfahrbar in den Zeichen des Landes. Dieser Plan ist das, was mit Jukurrpa bezeichnet wird. Und nur die Kenntnis der Jukurrpa macht eine Kenntnis der Welt, des sozialen Zusammenlebens, der Beziehung zu den Schöpferahnen und der eigenen Geschichte möglich. Die modernen Acrylbilder enthalten Teile der Erzählungen der Jukurrpa, die durch das Land sichtbar werden und der persönliche Anteil der Künstlerinnen und Künstler an der Jukurrpa sind.

Jukurrpa ist ein Wort aus den Sprachen der Bewohner Zentralaustraliens. Andere Aborigine-Sprachen haben ebenfalls Worte für die Jukurrpa; eine adäquate Übersetzung in eine europäische Sprache ist jedoch nicht möglich. Jukurrpa ist die Zeit des Beginns, als die Ahnenwesen in verschiedenen Gestalten über die noch ungeformet Erde wanderten und sie formten. Sie ist aber auch die Jetztzeit, denn ihre Schöpfungen sind heute noch für den Menschen wirksam. Die Ahnen setzten ihre Spuren in die Landschaft durch die Pfade, auf denen sie wanderten, und durch die Orte, an denen sie wirkten. An den Stellen, an denen sie schließlich wieder in die Erde hineingingen, hinterließen sie ihre Gestalt, die sich in den Landschaftsformen äußert. Und überall ließen sie ihre schöpferische Potenz zurück. Das Land nahm nicht nur Gestalt an, sondern auch Bedeutung. Die Aussage eines Aborigines "Dieser Berg ist mein Vater." führt uns auf die Spur dessen, was dies für die Menschen bedeutet. Der Berg ist die Gestalt des Ahnen, der Ahn selbst und seine Schöpfungskraft. Jeder Mensch gehört zu einer ganz bestimmten Stelle des Landes, an der er als Ungeborener die Potenz des Ahnen empfing (dies wird manchmal auch als Keim, der in der Erde liegt, oder als Beseelung im Mutterleib bezeichnet). Dieser Vorgang, der sich den Eltern des Kindes mitteilt, ist von Anbeginn geplant. Die Geburt ist nur das Erscheinen des Menschen in der sichtbaren Welt.

Die Ereignisse und die Ahnen, die zu einem bestimmten Ort gehören, machen den Menschen, der mit ihm verbunden ist, zu einem Teil der Jukurrpa und des Landes. Damit ist die Landschaft eine Erweiterung des Selbst, und sowohl die Landschaft als auch die Menschen werden als Manifestation der Jukurrpa verstanden. Die Aussage "Dieser Berg ist mein Vater." ist deshalb nicht symbolisch gemeint, sondern real. Und der Berg ist zugleich die Bestätigung, daß die Jukurrpa wahr ist, denn ohne sie würde er nicht existieren, ebensowenig wie der Mensch.

Ganz Zentralaustralien ist mit diesen Orten überzogen, die oft markante Stellen in der Landschaft sind. Die Pfade der Ahnen, die Plätze, an denen sie lebten und wirkten, bilden ein Netz von Beziehungen, das der Landschaft eingeprägt ist. Jeder Mensch als von einem bestimmten Ort abstammend und mit anderen, ihm von Müttern und Vätern, Großmüttern und Großvätern vererbten Orten und Landstrichen in Verbindung stehend, ist Teil des Planes der Jukurrpa und damit des Landes, das zur individuellen Lebensgeschichte gehört. Darum ist es nicht verwunderlich, daß es z.B. in der Pintupi-Sprache nur ein Wort gibt, das zugleich Camp und Land bedeutet (Ngurra). Auf dem Land, das man in seinem Inneren trägt, ist überall Sicherheit.

Die Landschaft erzählt nicht nur von der Vergangenheit, sondern weist auch in die Zukunft. Im Plan der Jukurrpa ist alles angelegt, was existiert und existieren wird. Möglicherweise ist es den Menschen noch unbekannt, aber alles, was neu ist, ist in Wirklichkeit so alt wie die Welt selbst.

Die einzelnen Elemente der Jukurrpa fügen sich wie Bausteine zusammen und machen die Landschaft für denjenigen, der sie lesen kann, zum Text einer Geschichte. Dieses Lesenkönnen muß im Laufe eines Lebens erwoben und erhalten werden. Die Orte und das Anrecht auf die Orte müssen gepflegt werden. Darum sehen Aborigines sich als die Hüter und Verwalter des Landes. Zum Teil können sie sich heute dieser Orte, die ihnen genommen wurden, nur mühsam wieder vergewissern; Orte, die nicht nur ihre kulturelle, sondern auch ihre persönliche Gschichte enthalten. Auch die Bilder sind die Gestalt der Jukurrpa, wie das Land und die Menschen. Sie repräsentieren und wiederholen nicht, sie sind keine verschlüsselten Abbildungen von etwas außerhalb ihrer selbst. Denn im Prozeß des Malens werden die Ereignisse der Anfangszeit erneuert und damit die Jukurrpa bestätigt. Im Malen wird das Wissen um die wichtigen Plätze und Ereignisse der Jukurrpa dokumentiert, die sich in der Landschaft zeigten.

In den Paintings erzählt jeder Künstler seinen Anteil an der Jukurrpa, der mit einer bestimmten Stelle in der Landschaft in Verbindung steht. Die ästhetik der Landschaft liegt dabei nicht in ihren äußerlichen Erscheinungsformen. Auch wenn ein Weißer den Anblick der Wüste als schön empfindet, so ist dies vermutlich nicht dieselbe Schönheit wie für einen Aborigine. Der wird sie vielmehr in dem sehen, was in der Landschaft von der Jukurrpa erscheint, in dem Leben und der Schönheit der Ahnen. Diese Schönheit spiegelt sich in den Bildern, sie macht ihre ungeheure Anziehungskraft und auch die Lebendigkeit aus. Ein Bild ist ein Teil des Ganzen, es ist nach allen Seiten, an denen die Geschichte weitergeht, offen.

Die graphischen Zeichen wie das U, der konzentrische Kreis und die Linie sind Zeichen, die schon auf den Felsmalereien Zentralaustraliens erscheinen. Ihre Ikonographie ist festgelegt und tradiert und dabei doch mehrdeutig. Die Künstlerinnen und Künstler verwenden diese traditionellen Zeichen auch aufgrund ihrer Mehrdeutigkeit. Dinge, die in der öffentlichkeit nicht gezeigt werden dürfen, können dennoch durch sie dargestellt werden. An der Oberfläche werden die Zeichen auch für weiße Betrachter und andere Uneingeweihte übersetzt, und es wird erzählt, um welchen Teil der Jukurrpa es sich handelt. Auf einer anderen Ebene können Wissende diesen Zeichen noch mehr entnehmen; die volle Bedeutung des Bildes kennen unter Umständen nur die Künstlerin oder der Künstler selbst. So wie das traditionelle graphische System verwandt werden kann, um mehrere Ebenen des Wissens in einem Bild gleichzeitig malen zu können, so können auch moderne Maltechniken gebraucht werden. Das Übereinanderlagern von Schichten, die Texturen der Bilder haben nicht nur ästhetische, sondern auch inhaltliche Bedeutung, sie wiederholen die Schichten der Jukurrpa.

Acrylpaintings werden häufig mit Landkarten verglichen. Ich bin mittlerweile der Auffassung, daß dies kein treffender Vergleich ist. Die Landschaft wird - auch mit allen ihren Bedeutungen - nicht einfach abgebildet. Es findet ein erneuter Schöpfungsprozeß statt, denn im Verlauf des Malens eines Bildes - so wie es auch traditionell im Malen der Sandbilder und der Körperbemalung stattfand - ist der Künstler nicht nur Ausführender, sondern Teilnehmer. Er gibt seiner Erfahrung und seinem eigenen Anteil an der Jukurrpa Ausdruck und damit seiner emotionalen Bindung an das Land. Er gibt den Zusammenhängen zwischen Ich, Land und Ahnen nochmals Struktur. Das Innere der Landschaft zusammen mit dem Inneren des Künstlers formen im Bild eine neue Einheit; dadurch und durch die Orte, die sie repräsentieren, sind die Bilder Teile des Selbst der Künstlerinnen und Künstler.

Die Unterschiedlichkeit der Bilder einzelner Künstlerinnen und Künstler, aber auch ihre Gleichartigkeit, sind der Ausdruck künstlerischer und gedanklicher Freiheit. Ein Beispiel dafür sind die Bilder von Maxie Tampitjinpa, die das Buschfeuer zum Thema haben, das die mythischen Ahnen in Gang setzten. Seine Entscheidung, weder diese Ahnen noch die Orte zu malen, die mit der Jukurrpa zu tun haben, ermöglichen es ihm, sich auf einen Aspekt zu konzentrieren, seinen individuellen Blick auf die Ereignisse zu zeigen.

Hier in dieser Präsentation sind die Künstlerinnen in gleicher Anzahl vertreten wie die Künstler. Das war nicht immer selbstverständlich. Als die Acrylmalerei zum ersten Mal in den 70er Jahren als Medium benutzt wurde, angeregt durch weiße Art-Adviser, wurden Frauen außen vor gelassen. Vielleicht nicht einmal, weil man ihnen künstlerische Fähigkeiten absprach - so hat Emily Kame Kngwarreye schon mit ihren Batikarbeiten Aufsehen erregt -, sondern weil Weiße glaubten, Frauen hätten keinen Zugang zum sakralen Leben. Diese grundsätzlich falsche Auffassung war vor allem der ethnologischen Literatur zu verdanken, deren Autoren meist Männer waren, aber auch den veränderten Lebensbedingungen aller Aborigines, die die Frauen besonders trafen.

Die Gleichstellung von Frau und Mann auch im spirituellen Leben war durch die Invasion der Weißen in Zentralaustralien schon im 19. Jahrhundert erschüttert worden. Es würde an dieser Stelle zu weit gehen, die Geschichte zu erörtern, die alle Aborigines, ob Fauen oder Männer, betraf, besonders aber für die Frauen einschneidende VerÄnderungen brachte.

Mitte der 80er Jahre fingen Frauen in den Settlements aus eigener Initiative an zu malen, um die Bilder zu verkaufen, die mittlerweile einen Markt hatten. In Yuendumu wurde von dem Erlös ein Toyota erworben, um die heiligen Stätten besuchen zu können; die heiligen Stätten, mit denen die Frauen in Verbindung stehen.

Die moderne Malerei der Frauen unterscheidet sich nicht von der der Männer. Das ist nicht nur in stilistischer, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht gemeint. Denn jede Frau hat ebenso wie jeder Mann einen Anteil an der Jukurrpa und einen Ort und einen Landstrich, an dem sie sich manifestiert. Dennoch sind die Themen von Frauen und Männern innerhalb der Jukurrpa unterschiedlich. Frauen hatten und haben von Männern getrennte Aufgaben und Zeremonien. Erst deren Zusammenspiel sichert die Existenz des Landes.

Alweye, die Zeremonien der Frauen, stehen in direkter Verbindung mit dem Land, den Schöpferahnen und der Aufgabe der Frauen als Hüterinnen des Landes und Verantwortliche für das Leben, das es gibt. Die Paintings von Lily Sandover Kngwarreye, Gloria Tamerre Petyarre, Michele Lion Kngwarreye sind durch die Körpermalerei der Frauen motiviert, die zentraler Bestandteil der Alweye-Zeremonien ist. In vielen ihrer früheren Bilder nahm auch Emily Kame Kngwarreye diese Motive auf. Ihr Bild, das Sie hier sehen, trägt den Titel "Mein Land", das Land, auf dem die Zeremonien stattfinden und mit dem sie als Hüterin verbunden ist.

Die Weißen nannten Australien "Terra inkognita" und "Terra nullius". Genau das Gegenteil ist richtig. Die moderne Kunst der Aborigines zeigt, daß dieses Land alles andere als unbekannt oder Niemandsland war und ist. Die Paintings sind auch der Nachweis dafür, daß es Menschen gehört, die mit ihm durch ihr ganzes Sein untrennbar verbunden sind.



© Galerie Bähr
und Künstler

Home  Katalog  Aborigine-Kunst  Eröffnungsreden  Copyright  Die Galerie  Aktuelle Ausstellung  Wegbeschreibung


Letzte Änderung am 11.06.98