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Aborigine-Kunst: Tjukurrpa

 
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  Tjukurrpa


Auszug aus dem Kapitel "Das Verborgene im Sichtbaren" aus dem Katalog "Das Verborgene im Sichtbaren. The Unseen in Scene":



"Auch wenn die Bilder visuell und konzeptionell aus sich heraus wirken und den Betrachter in ihren Bann zu ziehen vermögen, so ist zum besseren Verständnis ein kurzer Einblick in die Facetten der Tjukurrpa (1) hilfreich; Facetten, die allesamt in Wechselbeziehungen und Wechselwirkungen zueinander stehen und ein äußerst komplexes System von Vorstellungen über Weltbild und Religion bilden.

Tjukurrpa manifestiert sich zunächst in den Ahnen, die vor unendlicher Zeit das Land durchwanderten, die Landschaft formten, die Menschen und ihre Fähigkeiten, Tiere und Pflanzen schufen und schließlich in das Land zurücksanken, Teil des Landes wurden und noch heute gegenwärtig sind. Geographische Merkmale markieren Episoden von den Wanderungen der Ahnen. Oft sind diese Merkmale heilige Stätten, die es zu schützen gilt.

Auch der Himmel ist von Ahnen bevölkert, die auf die Erde kamen, um am Schöpfungswerk teilzunehmen, und anschließend wieder in den Himmel zurückkehrten.

Die Reisen der Ahnen, die zusammen mit ihren Handlungen in Liedzyklen besungen und in Geschichten erzählt werden, verbinden weit entfernte Landteile miteinander und damit verschiedene Völker der Aborigines. Anders gesagt: Die verschiedenen Völker mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Sprachen besitzen jeweils Teile eines größeren Liedzyklus' oder einer langen Geschichte und finden somit in der Tjukurrpa ihre Gemeinsamkeit.

In religiösen Zeremonien werden die Handlungen und Wanderungen der Ahnen durch Gesänge, Tänze und Bodeninstallationen oder Sandbilder belebt. Die Geschichten und Liedzyklen enthalten all das Wissen über Tiere, Pflanzen und Nahrung, über Medizin und über die Moral, die das Zusammenleben und das Überleben von Menschen ermöglicht. Die Geschichten und Liedzyklen sind nichts Mystisches, sondern dienten sowohl der Wissensvermittlung als auch der Ge-schichtsschreibung. Bis heute besitzen sie eine sehr praktische Be-deutung z.B. beim Auffinden von Wasser oder bei der Orientierung in der Wüste; insofern sind sie topographische Beschreibungen des Landes.

Tjukurrpa bedeutet aber weitaus mehr. In den Überzeugungen der Aborigines gibt es keine Spaltung zwischen Spiritualität und dem Materiellen, zwischen natürlich und übernatürlich. Tjukurrpa meint sowohl die Schöpfung als auch die sozialen Regeln des Zusammenlebens. Sie verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; harte zeitliche Trennungen existieren nicht. Der Mensch ist Teil der Tjukurrpa wie die Tjukurrpa Teil des Menschen ist, seine geistige, seelische und materielle Identität. Tjukurrpa ist die Erkenntnis und das Sein. Tjukurrpa ist aber auch das Gesetz, das von den Ahnen gegeben wurde. So wird jedes natürliche und kulturelle Phänomen in Beziehung zueinander gesetzt.

Tjukurrpa, das darin enthaltene Weltbild, das von den Ahnen gegebene Gesetz, die Geschichten, die Auffassungen über das Land - all dies ist nichts Statisches. Das Neue der sich ändernden Umwelt, Vorfälle der Verfolgung der Aborigines in der neueren Geschichte werden aufgenommen und zum Bestandteil der Tjukurrpa. Denn alles Neue ist in Wahrheit so alt wie die Welt selbst, weil es im Plan der Tjukurrpa bereits angelegt war.



Das Land

Die Aborigines haben eine besondere Verbindung zum Land. Land ist nicht nur eine materielle Größe, die für Nahrung und Medizin sorgte, sondern auch eine spirituelle. Es wird nicht besessen, sondern lediglich verwaltet. Land ist gleichbedeutend mit einem "geistigen zu Hause sein". Jeder Mensch gehört zu einem bestimmten Teil des Landes wie umgekehrt das Land zu ihm gehört. Im Land existiert die Identität des Menschen, noch bevor er geboren wird. So ist es nicht verwunderlich, daß die Regierungspolitik der Zwangsumsiedlungen von Aborigine-Gruppen von ihrem jeweils zugehörigen Land in entfernte Gegenden, die um die Jahrhundertwende begannen und bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts andauerten, zu einer der schmerzlichsten Erfahrungen zählen. Umgekehrt mündeten die zu Beginn der 70er Jahre größeren politischen Freiheiten sofort in eine Rückkehrbewegung zum zugehörigen Land.

Anne Pattle-Gray, die erste Aborigine, die in Theologie promovierte, beschreibt die Beziehung zwischen Mensch und Land: "Im Zentrum unseres Lebens stand immer die naturhafte, spirituelle Welt... Nur durch unsere spirituelle Verbindung zur Erde können wir unsere Identität bewahren. Deshalb begreifen wir uns selbst in Kategorien des Landes. Für uns ist die Erde heilig. Sie ist ein lebendiges Wesen, in dem unsere lebendigen Wesen ihren Ursprung und ihr Schicksal haben. Sie ist der Ursprung unserer Identität, die Wurzel unserer Spiritualität und unseres Traumes, die Grundlage unseres Dienstes. Wir sind spirituell an die Erde gebunden. Durch unser Engagement für die Natur können wir unser eigenes Wohlergehen garantieren."



Tjukurrpa als Inspirationsquelle

Jede/r Aborigine besitzt eine oder mehrere Tjukurrpas im Sinne von Geschichten. Sie werden von den Eltern oder Großeltern vererbt und stellen die spirituelle Verbindung zu einem bestimmten Teil des Landes sowie oft zu einer Pflanze oder einem Tier dar. Land, Tjukurrpa, Mensch und Geschichte, also auch die im Gemälde erzählte Geschichte, sind miteinander verwoben: Tjukurrpa bezieht sich auf das Land, das zur Person gehört, und auf die Geschichte, die zum Land gehört.

Tjukurrpa ist wahr; sie entspricht ebenso einer vorfindbaren Realität wie einer hinter den Dingen stehenden Spiritualität. Beides vereint, macht ihre Stärke aus, die in den Bildern sichtbar wird. Es sind kraftvolle Bilder, die unabhängig davon, ob sie in einer eher lyrischen Malweise und zurückhaltenden Farben oder in präziser, die Symbolik vom Hintergrund klar abgrenzender Punkttechnik gearbeitet sind, immer eine große Präsenz und Stärke vermitteln.

Die Künstlerinnen und Künstler sind von ihrer Tjukurrpa inspiriert. So handelt die Kunst von den wesentlichen Dingen, die das Leben sowohl in seinen materiellen wie spirituellen Ausformungen bestimmen. Tjukurrpa ist das, was das Sichtbare mit dem Unsichtbaren verbindet; es ist das Innere, das nach außen getragen wird und doch verborgen bleibt.

Dies zeigt sich auf verschiedenen Ebenen - in den Geschichten, in den Überlagerungen der Bildkomposition, in den Verschlüsselungen der Ikonographie."



(1) Tjukurrpa ist die Bezeichnung in der Sprache der Warlpiri Zentralaustaliens; die Gija aus den Kimberleys nennen es Ngarrangkarni, die Ngarinjin - ebenfalls aus den Kimberleys - Lalai und die Arrernte Altyerre, Altjeringa, Alcheringa oder Aldjerinya.

 

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Letzte Änderung am 2000-02-16
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